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Mut braucht Angst.

Reflexionen & Impulse Nr. 9 | September 2026

Im letzten Tauchurlaub mit meinen Söhnen haben wir auch ein paar Nachttauchgänge gemacht. Ich habe fotografiert und dabei sind einige beeindruckende Bilder entstanden. Manche davon habe ich auf Social Media gepostet.

Eine häufige Reaktion darauf: „Lieber Himmel, das würde ich mich NIE trauen. Da hätte ich echt Angst.“

An meinen ersten Nachttauchgang vor vielen Jahren (um ehrlich zu sein: Jahrzehnten) erinnere ich mich noch gut. Wir hatten ein Anfänger-Setting gewählt: in der Dämmerung abtauchen und sich langsam an die Dunkelheit gewöhnen.

Was dann passierte, war der „beste Alptraum“ meines Lebens: Eine völlig andere Welt erwachte. Seltsame Kreaturen krabbelten aus den Korallenstöcken hervor, hektische Jäger gingen auf Beutesuche, unendlich viele Schwebetierchen tanzten im Licht der Lampe. Neben mir, auf Armlänge, immer ein hungriger Tarpon.

Ich fand das schon ein bisschen gruselig. Und zugleich war ich fasziniert!

Inzwischen weiß ich viel mehr über Meeresbiologie – und somit auch, dass ich bei keinem dieser Wesen auf der Speisekarte stehe. Dass die Unterwasserwelt durch unerfahrene Taucher viel mehr gefährdet ist als umgekehrt. Und ich habe nach über 300 Tauchgängen genug Erfahrung, um meiner Ausrüstung und meinen Fähigkeiten zu vertrauen und auch im Dunkeln eine neutrale Tarierung zu halten, um die Korallen nicht zu verletzen.

Respekt habe ich immer noch. Aber keine Angst mehr.

Und genau das finde ich interessant.

Denn Angst ist eine sehr nützliche Begleiterin im Alltag. Sie hilft uns, nicht - oder zumindest nur wenig und selten - zu Schaden zu kommen. Körperlich wie seelisch.

Ohne Angst würden wir vermutlich nicht einmal die Kindheit überleben. Wenn wir Glück haben, lernen wir dabei, gut mit ihr umzugehen. Wir lernen, wann wir etwas wagen können und wann wir besser zögern sollten. Wir machen die Erfahrung, dass etwas schiefgehen kann - und dass wir damit trotzdem zurechtkommen.

Eine Kindheit in den 70ern hat dafür reichlich Möglichkeiten geboten. Wir kletterten zu hoch, radelten zu schnell, streunten durch die Wälder - und kamen meistens heil nach Hause.

Vielleicht war das in den 90ern und Nullerjahren schon anders. Und vielleicht verlieren Menschen etwas, wenn sie zu sehr behütet werden: die Gelegenheit, Angst als Ratgeberin kennenzulernen - und nicht als Grenzzaun.

Denn genau darum geht es: Angst und Mut miteinander zu balancieren.

Wenn die beiden gut zusammenarbeiten, entsteht etwas sehr Wertvolles: Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit. Die Erfahrung: Ich kann es schaffen.

Oder anders gesagt: Glück entsteht auch durch die Bewältigung von Herausforderungen.

Für mich ist das ein wichtiger Punkt: Angst haben wir alle und das ist auch gut so.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Angst haben.
Sondern wie viel Mut wir ihr zur Seite stellen können.

Wenn die Angst dauerhaft überwiegt, verbleiben wir in unserer Komfortzone. Und die hat leider die unangenehme Eigenschaft, mit den Jahren immer kleiner zu werden.
Wenn dagegen der Mut überwiegt und zum Übermut wird, gehen wir zu große Risiken ein und verlieren irgendwann. Unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unser Hab und Gut.

Dazwischen liegt ein ziemlich großer Raum.

Und oft lässt sich Angst darin verändern: durch Wissen und durch Erfahrung.
Wer will mich unter Wasser eigentlich fressen? Sind kleine Spinnen im Haus wirklich Killermonster? Was passiert tatsächlich, wenn ich mich etwas traue?

Als ich meinen Führerschein gemacht habe, hatte ich panische Angst vor dem Autofahren. Als dann meine Kinder auf der Welt waren, wusste ich, dass ich diese Angst überwinden sollte - mit zwei Jungs sind eilige Fahrten zum Arzt schließlich vorprogrammiert.

Also habe ich ganz klein angefangen: ausparken, ums Karree fahren, wieder einparken. Kenntnisse hatte ich ja nachgewiesen. Mir fehlte die Erfahrung.
Die kam mit der Zeit. Und heute fahre ich sogar richtig gerne Auto.

Die Angst ist weg. Der Respekt ist geblieben.

Vielleicht tun wir uns in diesem Land ein bisschen schwer mit der Angst. Was wir gerne stolz „Risikobewusstsein“ nennen, wird von außen nicht selten als „German Angst“ betrachtet.

Wir sind ziemlich gut darin, Risiken zu analysieren, Szenarien zu entwerfen, Eventualitäten abzusichern. Das ist oft klug und nützlich. Manchmal aber rationalisieren wir Angst auch, damit wir sie „kontrollieren“ können und nicht fühlen müssen.

Denn auch das gibt es: Angst vor der Angst. Die Sorge, von diesem Gefühl überwältigt zu werden.

Vielleicht wäre es an der Zeit, Angst wieder etwas mehr fühlen zu dürfen. Nicht, um ihr die Führung zu überlassen. Sondern um sie als Ratgeberin zurückzugewinnen.

Und ihr eine gute Handvoll Mut zur Seite zu stellen.

Denn Mut braucht Angst.
Sonst wäre es ja Leichtsinn.

Und wir leben gerade in Zeiten, in denen diese Balance eine ziemlich hilfreiche Fähigkeit ist.

Wenn du beim Lesen an jemanden denken musstest:
leite diesen Text gerne weiter.

Vielleicht ist das hier gerade passend:
www.d5purposelab.de
und auf Instagramm D5.Purpose.Lab.


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